Wichtig und lebensnotwendig ist eine Nordatlantik-Überfahrt mit dem Schiff wahrlich nicht und wer sie nicht irgendwann erlebt, für den geht die Welt nicht unter
und er hat auch nicht dringend den Sinn des Lebens verpasst. Für den einen oder anderen aber birgt der Nordatlantik mystische Geheimnisse und die Geschichte und Schicksale vieler Millionen
Menschen, die in den letzten paar Jahrhunderten den Weg über den Atlantik in die Neue Welt gesucht haben. Wir wollten ihn auch einmal gehen, wenn auch - dem Fortschritt der Zeit
geschuldet - etwas komfortabler.
Maiden-Fahrt
Southampton - New York
Juni 24 bis Juli 1, 2010
und anschließender Rundfahrt durch
New England
und zu den
Niagara-Fällen
Juli 1 bis Juli 8, 2010
Fast 100 Jahre nach der Titanic-Überfahrt haben wir uns aufgemacht, mit der Norwegian Epic – nein, nicht das Gleiche zu erleben, sondern den Spuren des Unglücksdampfers über den Nordatlantik zu
folgen. Eine gewagte Unternehmung, nicht nur unbedingt aufgrund der symbolischen Bedeutung. Als Individualreisende, die wir die Unabhängigkeit und das Spezielle lieben und gewohnt sind, ist
eine Kreuzfahrt eine Reise, die von beidem unter Umständen doch ein wenig oder mehr vermissen lassen kann – oder muss, das wird sich aber noch herausstellen.
Herausgesucht haben wir uns die Epic nicht aus bestimmten, Kreuzfahrer-Profi relevanten Gesichtspunkten. Es ist vielmehr dem Umstand zu verdanken, dass wir jetzt hier auf ihr die
Überfahrt machen, da sie das einzige Schiff war, die in unserem Zeitrahmen, in welchen wir unseren Urlaub einplanen wollten, eine Überfahrt von Europa nach New York anbot. Einer glücklichen
Fügung ist es zu verdanken, dass es sich hierbei um eine Jungfernfahrt handelt, d.h. das Schiff wird von der Werft nach den USA verbracht, um dann seiner endgültigen Bestimmung –
Karibikkreuzfahrten – eingesetzt zu werden.
Gebaut in Saint Nazaire, wurde die Epic am 19. Juni 2010 nach Rotterdam verschifft, um dort für eine zwei Nächtefahrt nach Southampton, bei welcher auch bereits Gäste an Bord waren, ihrem
eigentlichen Abfahrtshafen für die Überfahrt nach New York verschifft werden sollte.
Als Kreuzfahrerneulinge haben wir uns im Internet einiges in den diversen Foren an Informationen angelesen. Unter ganz glücklichem Stern stand die Übergabe der Epic an ihren Ausgangshafen
Southampton wohl nicht, vermeldeten doch Insider und Gäste der zwei Nächtefahrt an Twitter, einschlägige Foren und Facebook am 21. Juni, dass die neue Lady der Meere mit Problemen der
Antriebswelle zu kämpfen habe und man mit Tauchern und einem Tross an Ingenieuren den Schaden zu beheben versuche. Kein guten Omen, wenn man bedenkt, dass unsere eigentliche Jungfernfahrt evtl.
auf dem Spiel stand und wir im Anschluss an die Überfahrt nach New York noch weitere fünf Wochen Urlaub in den USA geplant hatten, was dann bedeutet hätte, dass wir von England aus versuchen
müssten, mit irgendeiner Airline in die USA zu kommen.
Anreise nach Southampton oder die Sache mit dem Propeller
Wo Licht ist, ist auch Schatten. Als Flugängstliche – mein Thema wurde unter Flugangst und Turbulenzen hier behandelt – wollte ich schon lange den Weg über den großen Teich per Schiff erleben.
Jedoch ganz ohne zu fliegen geht es auch in diesem Urlaub nicht. Vorab muss der Flug von Frankfurt nach Southampton bewältigt werden, was aber immerhin nur knapp ein Fünftel der Flugzeit in die
USA bedeuten. Man ist nicht wenig überrascht, das Fluggerät zu sehen, welches uns auf dem Frankfurter Flughafen weit draußen auf dem Rollfeld erwartete und fühlt sich bei dessen Anblick
in die Zeit der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückversetzt.
Dass diesem Propellerflugzeug schwere Zeiten zugesetzt haben, ist unschwer an der zerfetzten Aussenhaut zu erkennen. Dort, wo die Propeller angebracht sind, ist der Bereich schwarz verkohlt.
Bilder von nichttauglichem Fluggerät laufen vor meinen Augen ab und dass dieses Teil dazugehört, ist unverkennbar. Nun ja, es handelt sich um einen sogenannten Billig-Flieger, eine Variante des
Reisens, die bis dato für uns unbekannt ist. Für unter 50 Euro nach England erfordert nun mal Mut, wie ich beim Besteigen des weit draußen in der Pampa abgestellten Fliegers zugeben muss.
Er gesellt sich im Übrigen dort zusammen mit all den anderen namhaften Carriern des europäischen Luftraumes, die billig von A nach B fliegen, ohne die Urlaubskasse tiefgreifender zu belasten.
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Propeller der besonderen Art
Ich war – nach dem Zustand des Fliegers zu urteilen, auf das Schlimmste gefasst. Aufgrund der geringen Größe, die nur 78 Mutigen Platz bot, war ich auf schwere Turbulenzen eingestellt.
Insgesamt war der Flug jedoch überraschend ruhig. Dem Flugängstlichen war es möglich, die Propeller während des gesamten Fluges auf ihre Diensttauglichkeit zu beobachten, während der
Businessreisende, welcher möglicherweise mehrmals pro Woche auf diesem Flug sitzt, seine Aufmerksamkeit seinen vor ihm liegenden Unterlagen widmet. Nach dem knapp 90 minütigen Flug wäre mein
Resultat, ob nochmal wieder mit einem Billigflieger – ungewiss. Es ging diesmal gut, man soll das Schicksal nicht herausfordern.
The Star Hotel – Verblasst, aber mit nicht zu leugnendem Charme
Unser Hotel für eine Nacht bis zur Abfahrt der Epic liegt in der Innenstadt von Southampton. Am Flughafen wurde uns ein Taxi – genannt der Checker - sehr tiefblickend, muss eine
Vereinigung sein, denn andere Taxen fuhren am Flughafengebäude nicht vor – gerufen. Nun ja, der Linksverkehr ist schon recht ungewöhnlich. Nachdem die Engländer zumindest unser metrisches
System angenommen haben, wird das mit dem Umsteigen vom Links- auf den Rechtsverkehr wohl nichts werden. Dem Taxifahrer, einer quasselnden, aufgekratzten Frohnatur, musste ich dann schon
erklären, warum ich beim Einsteigen aus Versehen oder vielmehr Gewohnheit auf dem Fahrersitz Platz nehmen wollte……
Das Hotel schien bessere Zeiten gekannt zu haben, denn es war von Haus aus ein historisches Gebäude namens The Star. Verwinkelt bis in die letzte Ecke und auf seine Art doch irgendwie charmant,
muss es seine vom Namen her geführten Sterne irgendwann im Laufe der letzten 150 Jahre verloren haben. Insgesamt gab es aber nichts auszusetzen, die Zimmer sind recht geräumig, das Bad war
frisch renoviert, wenn auch etwas dilettantisch, das heiße Wasser floss in nicht regulierbaren Strömen und der Fussboden hatte eine gefühlte 50 Grad Neigung - aber der Fernseher übertrug das
Deutschlandspiel gegen Ghana. Immerhin.
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The Star
Southampton ist ein ehemals idyllisches Hafenstädtchen und sehr viele altwürdige Bauwerke stehen auch heute noch für seine lange Geschichte. Dazu kommen die typischen, im englischen Stil
erbauten Häuser, die überaus gepflegt und sehenswert sind und einem den Rundgang durch die Innenstadt zu einer interessanten Zeitreise werden lassen. Die noch bestehenden Fragmente der
Stadtmauer stammen – ich habe es jetzt noch nicht nachgelessen – mit Sicherheit aus dem Mittelalter, zumindest lässt es das vermuten.
Ob dies jetzt in jeder englischen Kleinstadt so ist, man ahnt es aber, sind die vielen, urgemütlichen Pubs. Wir landen in einem, das auch schon mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel haben
dürfte, was das Gebäude angeht. Aber es war genau das, was den Reiz ausmachte und dem Pub ein sehr spezielles Flair verlieh. Das erfrischende Becks Draft war ganz besonders lecker, nur leider
rief der Wirt gegen 23.00 Uhr die Sperrstunde aus. Schade, ich hatte mit einer Glocke, die geläutet wird, wenn das Pub geschlossen wird, gerechnet – zumindest war davon zu hören, dass dies dort
so üblich wäre.
Während wir unserem ereignisreichen nächsten Tag der Einschiffung entgegen schliefen, schienen sie die Antriebswelle der Epic während der Nacht auf Vordermann gebracht zu haben, denn als wir
morgens noch einen neugierigen Blick auf das im Hafen liegende Schiff warfen, schien die Lage gut und aufschlussreich zu sein, womit einer Ausschiffung nichts im Wege stehen dürfte. Ehrlich
gesagt, hatte ich nicht damit gerechnet und ich war immer noch ein bisschen skeptisch, ob man mehr als 4000 Passagiere zuzüglich Crew mit angeschlagenem Motorwerk über den Atlantik schicken
würde, nur um im Zeitplan zu bleiben.
Das Frühstück im Star-Hotel war erquicklich, zwar überschaubar, was die Vielfalt und Auswahl anging, aber absolut okay. Zuvorderst stand außerdem das bevorstehende Einschiffen, was die Güte
eines reich gedeckten Frühstückstisches auch etwas in den Hintergrund treten ließ.
Erster Tag an Bord – Einschiffung und andere Begleitumstände
Ein Taxi brachte uns zum Pier. Wir waren etwas knausrig, was die zusätzliche Charge wegen des Kreditkarteneinsatzes für eine läppische Taxifahrt anging. Wegen ein paar Englischer
Pfund wollten wir auch nicht unbedingt Euros tauschen, wohingegen uns das Bezahlen mit Kreditkarte jedoch einen Aufschlag von ein paar Pfund bescheren sollte. Wir entschieden uns
dann doch für den Umtausch von 10 Pfund, zumal wir ein paar Softdrinks mitnehmen wollten in Anbetracht dessen, wie lange eine Einschiffung von 4000 Menschen wohl dauern würde. Am Straßenrand
parkende Taxen, deren Fahrer in angeregte Gespräche vertieft waren, versicherten uns zudem, sie würden uns für 5 Pfund zum Pier bringen. Also war unser Kontingent an Barem auf die
restlichen 5 Pfund für Getränke beschränkt, was uns wie Fürsten fühlen ließ, nachdem wir am Abend zuvor unser Taxi vom Flughafen mit eben jenem Aufschlag per Kreditkarte bezahlt hatten.
Leider waren die großzügigen Taxifahrer, deren Angebot unschlagbar klang, nach unserem Geldumtausch verschwunden, sodass uns, wie geplant, nichts anderes übrig blieb, als vom Hotel aus mit dem
Taxi zum Pier zu fahren, was jedoch, wie wir wussten, teurer war – zumal wir nur noch 5 Pfund übrig hatten und die auf keinen Fall reichen würden.
Ein Inder oder Pakistani mit überwältigendem Turban auf dem Kopf half uns, unsere Gepäckstücke zu verstauen. Die Fahrt zum Pier war kurz und schmerzlos. Weniger schmerzlos war der Anblick, der
sich uns bereits 30 Minuten nach dem Beginn der Einschiffzeit um 11.30 Uhr bot. Lange Menschenschlangen in dreier Reihen harrten vor dem Eingang des Schiffterminals aus, Taxi um Taxi kam an und
lieferte weitere Neuankömmlinge ab. Unser Fahrer hielt an und sprang aus dem Wagen, lief Richtung Menschenmenge und sprach diverse Leute an. Wir wussten nicht, was er damit bezweckte, er kam
aber dann schnell zurück und fuhr ein paar hundert Meter weiter. Dort ließ er uns aussteigen, half uns wieder beim Gepäck ausladen und bedeutete uns, unsere Koffer an dieser Sammelstelle
abzugeben. Was für ein toller Kerl, er ersparte uns damit eine Menge Schlepperei. Danach fragte er nach unserer Kreditkarte und das er ja leider eine zusätzliche Gebühr verlangen müsse. Ich
erwähnte nur kurz unsere restlichen kümmerlichen fünf Pfund und er war hellauf begeistert, es würde genügen und wir könnten uns die Charge für die Kreditkarte sparen. Was für einen klasse
Mensch, den wir da getroffen hatten.
Überschwänglich bedankten wir uns für seine faire Fahrt und zogen – ohne Koffer, die hatten wir ja an der Sammelstelle zurückgelassen, Richtung Menschenschlangen. Ich richtete mich bereits auf
eine Wartezeit von mehreren Stunden ein, es erwies sich aber als relativ zügig abgefertigte Geschichte, innerhalb einer guten halben Stunde waren wir bis ins Innere des Terminals vorgerückt.
Vor uns in der Reihe lernten wir ein deutsches Ehepaar kennen, das uns bereits im Flugzeug am Vorabend aufgefallen war. Die beiden erwiesen sich als Profis in Sachen Kreuzfahrt und wir erfuhren
schnell ein paar Insidertipps.
Hätte ich jetzt erwartet und befürchtet, in der Mehrheit Deutsche auf dem Schiff anzutreffen, so wurden wir eines besseren belehrt. Engländer und Amerikaner, möglicherweise Kanadier und
Australier war so das Gros derer, die sich einschiffen lassen wollten. Nachdem wir also nach ca. einer Stunde bis ins Innere des Terminals vorgedrungen waren, kamen wir zum obligatorischen
Körperscan mit Handgepäckscan.
Das eben kennengelernte Ehepaar war vor uns an der Reihe und ich beobachtete die Diskussion der Kreuzfahrerin mit der Angestellten des Terminals, ob jetzt mit Armband oder ohne gescannt werden
solle. Man einigte sich darauf, dass das Armband anbehalten werden könne. Ich war zufrieden mit dem Ergebnis und gedachte mein Armband ebenfalls anzubehalten, als mein Blick rein zufällig auf
mein leeres linkes Handgelenk fiel. Sofort war mir klar, dass ich das Armband entweder verloren oder im Hotel vergessen haben musste. Mir wurde schlecht, heiß und kalt, alles auf einmal.
Ziemlich schnell kam ich zum Ergebnis, dass ich es überhaupt nicht angezogen hatte an diesem Tag.
Ich erinnerte mich daran, es gestern im Hotel ausgezogen und auf den Tisch in meinem Zimmer gelegt zu haben. Mir war derart übel bei dem Gedanken, dass ich wohl kaum mehr an mein Armband kommen
würde in Anbetracht der kaum zu bewältigenden Umstände. In diesem Moment war die Reise für mich gelaufen. Was jetzt tun? Zurück zum Hotel? War das Armband dort überhaupt noch oder hatte die
Putzfrau vielleicht dafür Verwendung gefunden? Wie wegkommen ohne englisches Geld? Wiederum anstellen an eine mittlerweile immer länger werdende Menschenmenge? Oder einfach das Teil abschreiben
und weitergehen? Ich beichtete das Fehlen des Armbandes und musste mir anhören, dass es das wohl war und ich das Ding abschreiben könne. Ein paar Minuten kämpfte ich mit mir. Die Vernunft
sagte, das schaffe ich nicht, weil es nicht mehr auffindbar ist im Hotel. Dann siegte mein Wille und ich habe mich aus der Schlange vor dem letzten Eincheck-Schalter entfernt, habe mir
irgendeinen Tisch am anderen Ende der Halle, an welchem Offizielle saßen, ausgesucht und mit wenig Hoffnung mein Missgeschick vorgetragen.
Der Mann schien tatsächlich interessiert und bemüht, was mich schon mal – zumindest in diesem Moment, ein wenig zuversichtlicher stimmte. Er wolle sich nach einer Assistentperson umsehen
und käme gleich zurück. Nun ja, ein wenig halbherzig stand ich herum und wartete auf ihn. Er kam wieder und brachte eine weibliche Person mit Walki-Talki mit, was sehr vertrauenserweckend auf
mich wirkte. Sie wusste bereits Bescheid und ich erzählte ihr, dass ich es selbst schon per Handy versucht habe, im Hotel anzurufen, jedoch die Verbindung so schlecht gewesen sei, dass ich
nichts verstanden hätte. Sie rief mit ihrem eigenen Handy an und veranlasste, dass man mein Zimmer nach dem Armband durchsuchte. Nachdem ich ihr aber berichtete, dass unser Zimmer bereits nach
unserem Auschecken saubergemacht worden sei und wir bis zur Abfahrt aus dem Hotel noch in der Lobby auf das Taxi hätten warten müssen, winkte sie ab und gab mir wenig Hoffnung, dass mein
Armband noch gefunden werden würde. Wie auch, die Putzfrau hätte es in dieser Zeit ja sicher bereits am Empfang abgegeben.
Insgesamt hatte ich bereits aufgegeben, wollte aber, nachdem man sich so hilfsbereit um mich bemühte, nicht unhöflich sein. Die Assistant schickte mich zum Einchecken zurück und erklärte, sie
käme sofort auf mich zu, falls das Hotel sich meldete wegen des vermissten Armbands. Ich ging also zurück zum Einchecken und hatte keine große Hoffnung auf Erfolg unserer Aktion. Ich glaubte
weder daran, dass man das Armband urplötzlich wiederfinden noch dass das Hotel überhaupt zurückrufen würde.
Es dauerte einige Minuten, als besagte Assistant auf mich zukam und mir freudestrahlend mitteilte, dass das Hotel sich gemeldet habe und das Armband gefunden worden sei. Man würde es mit
einem Taxi zum Terminal schicken.
Ich war tatsächlich mehr als überwältigt und ich konnte vor Rührung über den Erfolg kaum antworten. Sie nahm mich mit – den langen Weg zurück zum Ausgang des Terminals – immer wieder
aufgehalten durch weitere Sicherheitsbeamte, Erklärungen abgebend, zum Taxistand. Erst fanden wir das Überbringer-Taxi nicht gleich, sie wusste aber, welche Farbe und Fabrikat das Taxi haben
sollte. Ein wenig dachte ich, es könnte ganz am Schluss dann doch noch schiefgehen. Als wir eine Weile gesucht hatten, sahen wir weiter entfernt einen Taxifahrer wild winkend auf sich
aufmerksam machen und wir eilten zu ihm. Es war – welch Zufall in England - wieder ein Inder oder Pakistani, riesig nett und verständnisvoll. Schließlich wusste er, worum es ging – mein
Armband!!
Er übergab es mir, ein in einen Briefumschlag verpacktes, extra nochmal mit Kleenex wattiertes Päckchen, auf welchem mein Name, das Pier und der Name der Assistant standen. Ein Heiligtum wurde
mir übergeben, ich war derart von erleichtert – besonders weil die Situation anfangs mehr als aussichtslos erschien. Der Taxifahrer und wir scherzten noch ein wenig herum, als in diesem Moment
ein weiteres Taxi neben uns hielt. Es war unser Turbanträger der ersten Taxifahrt an diesem Morgen. Er lehnte sich neugierig aus dem Fenster heraus und wollte wissen, was passiert sei.
Wir erzählten von der Story und man hatte den Eindruck, als hätte auch er mitgeholfen und Anteil daran, dass die Geschichte gut ausging. Nebenbei stellte sich heraus, dass er der Nachbar
der Assistant war. Wir vier waren in diesem Moment wie eine verschworene Gemeinde, Verbündete im Kampf um mein vergessenes Schmuckstück. Wieder überkam mich eine große Rührung und
Dankbarkeit. Ich habe selten so hilfsbereite und uneigennützige Menschen auf einem Haufen gesehen – a propos…selbstredend hätte das Taxi, welches mir das Armband zum Terminal brachte, von
mir bezahlt werden müssen. Muss ich explizit erwähnen, dass der Fahrer sich weigerte, Euros zu nehmen oder meine Kreditkarte?
Wir entern das Schiff
Von nun an konnte die Reise beginnen, aber mir ging die Geschichte den ganzen Tag noch nach. Dass sie so ausgegangen ist, habe ich einer Menge warmherziger und lieber Menschen zu verdanken und
nicht zuletzt meinem Willen, nicht aufzugeben. Das es hätte schiefgehen können, ist mir bis heute klar. Glück hat auch dazugehört….! Den Überbringer-Briefumschlag habe ich übrigens aufgehoben.
Ob für immer, weiß ich noch nicht, aber er kommt zumindest mit nach Deutschland in sechs Wochen….
Die Einschiffung hatte wohl um die 90 Minuten gedauert. Eine sehr annehmbare Zeit, wenn man die große Menschenmenge berechnet. Wie wir hörten, sollte es mit den Koffern noch eine Weile dauern.
Hatte ich erwähnt, dass wir am Schalter im Terminal eine andere als unsere ursprünglich vor ein paar Monaten bereits gebuchte Kabine zugeteilt bekamen? Ich hatte nach dem Grund gefragt, darauf
bekamen wir keine befriedigende Antwort. Umständehalber…? Sehr aufschlussreich! Wir würden aber zufrieden sein mit der anderen, neu zugeteilten Kabine.
Während unsere ehemalige Kabine auf Deck 11 liegen sollte, verlegte man uns nunmehr auf Deck 14. Begeistert waren wir nicht besonders, denn wir hatten mit viel Mühe und Recherchearbeit
uns explizit die auf Deck 11 liegende Kabine ausgesucht. Ich hatte am Schalter noch nachgefragt, ob unser Gepäck zur neuen Kabine gebracht würde und man bejahte das, alles ginge in Ordnung und
bestens seinen Weg. Was blieb uns übrig, wir entschlossen uns, das neu zugeteilte Etablissement erst einmal zu besichtigen und dann weiter zu entscheiden. Balkon habe es ja, wie man uns eifrig
versicherte. Darum wollte ich auch gebeten haben, der wurde schließlich auch mitbezahlt…..!
Wir überschritten die kurze Gangway und befanden uns endlich an Board. Recht unspektakulär fand ich. Nicht, dass ich ein Blasorchester erwartet hätte, aber irgendwie hatte ich mir den Gang auf
die Epic doch ein wenig herrlicher und eindrucksvoller vorgestellt. Sei's drum, wir hatten es geschafft.
Der erste Tag konnte beginnen. Unsere neuen Schiffsbekannten, die mit der einschlägigen Kreuzfahrer-Erfahrung, lotsten uns zu den Fahrstühlen und wir fuhren direkt zum Deck 15. Wir, noch ohne
Schiffsplan in den Händen, ließen uns führen. Oben angekommen bot sich uns eine Atmosphäre von lockerem Jahrmarktsfeeling. Reggae-Music, Buden mit Snacks und Erfrischungen, Menschen, die
herumschlenderten – alles sehr relaxed. An der Reling entlang standen Tischgruppen, an einer von ihnen ließen wir uns nieder. Wir besorgten uns ein paar Snacks und Getränke und ließen das
Geschehen rund um uns herum auf uns wirken.
Eine super Sache, man zahlt nichts für Essen und Trinken rund um die Uhr. Klar, es handelt sich bei den Getränken um Eistee, Wasser und Kaffee. Beim Frühstück kommen noch diverse andere Säfte
dazu, aber alles in allem eine Art Soft All Inclusive. Sehr angenehm. Wir genossen die nicht überlaufene und sehr angenehme Umgebung, die Sonne schien und wir konnten den Hafen von Southampton
und die Geschäftigkeit, die sich weit unter uns beim Einladen des Gepäcks bot, aus luftiger Höhe beobachten.
Ich rechnete jeden Moment damit, dass sich das Schiffsoberdeck – Pooldeck – überfallartig mit der noch fehlenden Menschenmenge füllen würde. Immerhin schien dies für den Augenblick ein guter
Aufenthaltsort zu sein, um auf den Sturm auf die Kabinen zu warten oder die Gepäckübergabe.
Ich war überrascht, dass es bei der Anzahl der Menschen bleiben sollte, die wir am Anfang auf dem Oberdeck angetroffen hatten. Sehr merkwürdig, dachte ich, wo mögen die anderen Leute sich wohl
aufhalten? Insgeheim hatte ich befürchtet, die ganze Reise über immer in einer Kolonne von Menschen zu stecken, die alle das Gleiche machen und man sich keinen Meter alleine bewegen kann. Die
Erkenntnis, dass dies, zumindest momentan, anders war, überraschte sehr und machte Hoffnung auf weitere ruhige Seetage an Bord.
New Wave – Kabinen der futuristischen Art
Nach einer Weile kam die Durchsage, dass nunmehr alle Zimmer zur Verfügung stehen würden. Wir machten uns auf, unsere Kabinen zu erobern und verabschiedeten uns von unseren Mitfahrern. Nachdem
wir nun ja um einige Decks nach oben verlegt worden waren, brauchten wir nur ein Deck nach unten zu fahren – der Pool- und Außenbereich befand sich auf Deck 15. Dort angekommen, fanden
wir einen Wegweiser, welcher Zimmernummern von ..bis angab.
Schnell fanden wir den Pfeil, in welcher unsere neue Kabinennummer inkludiert war. Wir marschierten los, links, geradeaus, links, rechts und standen….vor einer Kabine, auf der eigentlich unsere
Kabinennummer draufstehen müsste – tat es aber nicht. Also wieder zurück zum Hauptschilder-Wegweiser. Nochmal von neuem Gang für Gang los, jeder sieht gleich aus und jeder führt….ins nirgendwo.
Unsere Kabinennummer scheint es nicht zu geben. Hatten die uns die falsche Nummer aufgeschrieben? Wir quetschen uns an entgegenkommenden Gästen vorbei – die Gänge sind so eng, wie sie auch alle
gleich aussehen – einer wie der andere, was die Suche nach unserer Kabine nicht einfacher machte und uns zu keinerlei Orientierung verhalf.
Schließlich gaben wir nach mehreren Versuchen auf und begannen, herumeilende Stewarts nach dem Weg zu fragen. Schickte uns der eine in die eine Richtung, standen wir als Ergebnis wieder vor dem
Nichts. Der nächste Stewart war sich ganz sicher, unsere Kabine in der anderen Richtung zu vermuten. Richtig, vermuten. Am Ende war es wieder falsch. Wir fühlten uns wie in einem Irrgarten und
wir dachten mir Grauen an die bevorstehenden Seetage und fragten uns, ob das nun täglich unser Programm sein würde, stundenlang nach unserem Domizil zu suchen.
Das ganze Spiel lief immer wieder hin und her. Endlich, ein ganz pfiffiger Stewart, den wir aufgabelten und befragten, kam auf die Idee, dass man Anhand von der letzten Ziffer erkennen könne,
dass es Gänge mit ungerade und Gänge mit geraden Ziffern am Ende gäbe, nach welchen man sich orientieren könne. Muss einem doch gesagt werden. Er war es auch, der uns direkt und ohne nochmalige
Umwege bis zur Kabine führte und wir – Männe gilt als Pionier, Pfadfinder und Spurensucher erster Klasse seines Faches, der mittlerweile aber seine Fähigkeiten angezweifelt hatte – dankten dem
Stewart überschwänglich.
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The Wave
Jupppie, die Karte passt auf Anhieb und….Überraschung….die Tür zur Kabine ließ sich öffnen. Das große Geheimnis ist gelüftet, wie wir in den nächsten acht Tagen wohnen werden. In den
einschlägigen Foren geistern ja seit geraumer Weile Gerüchte und Mutmaßungen, inwieweit es sich vereinbaren lässt, in einem einzigen Raum zu wohnen und seine tägliche Toilette zu erledigen
nebst Dusche und Waschbecken.
Ein ganz neues Konzept der Kreuzschiffkonzipierer bot sich uns. Okay, ich hatte von einem Vorhang gehört, welcher den Nassbereich zumindest optisch ein wenig abtrennt. Dusche und Toilette haben
Schiebetüren aus Milchglas. Dazu gehört ein Miniwaschbecken, welches dem Spuckbecken beim Zahnarzt hinsichtlich Größe und Form ähnelt. Es bindet sich direkt in den Wohnbereich ein. Die Dusche
ist aber eine mit deutschem Standard, das ist schonmal ein unschlagbares Pro für die Dusche. Sie verfügt über einen, von der Wandhalterungsschiene abnehmbaren Duschkopf, den man mit der Hand
beim Duschen führen kann oder ihn aber tiefer in eine Vorrichtung einstecken kann, so dass man von verschiedenen Ebenen den Wasserstrahl genießen kann. Beim Wasserdruck durfte man wirklich
angenehm überrascht sein, hatte man sich ob all der vielen, möglicherweise gleichzeitig duschenden Menschen auf ein kümmerliches Rinnsal aus der Wand eingestellt.
Da unsere Koffer noch nicht geliefert waren, machten wir uns bezüglich des Schrankes keine großen Gedanken. Erst hinterher stellt sich heraus, dass wir keine Fächer zum Ablegen von T-Shirts
etc. haben werden. Bügel aus edlem Holz, ja, die sind – wenn auch nicht im Übermaß für zwei Personen – vorhanden, jedoch in Anbetracht dessen, dass wir keine Regalböden im Schrank haben,
absolut zu wenig. Außerdem hänge ich nicht gerne alles auf Bügel, viel zu aufwendig. Muss ich anmerken, dass ich es dem Umstand fehlenden Ablageplatzes zu verdanken habe, dass ich meine Koffer
nicht großartig ausgepackt habe bzw. es gar nicht konnte?
Zum Miniwaschbecken gehört ein kleiner Unterschrank, in welchen ein Abfallbereich integriert ist – ein kleinerer und ein größerer. Da beide keine Abfalltüten als Auffangbehälter haben,
entscheiden wir uns für unsere Zwecke für den größeren der beiden Behälter. Ob wir richtig lagen, haben wir nie erfahren….!
Der Wandschrank mit Spiegel über dem Waschbecken ist ausreichend groß und die Innenfächer sind gut angeordnet. Dosen und Tiegel, die man nicht unbedingt dort unterbekommt, verstaut man in einem
der kleinen Unterschränke, die sich daneben befinden. Eine kleine Minibar findet ebenfalls Platz im Unterschrankbereich vor dem Bett. Wir verschaffen uns ein wenig Platz und deponieren dort
unsere hart erkämpfte 2-Liter Flasche Mineralwasser aus dem Lidl in Southampton - das klappt ganz gut, noch dazu, wo wir lesen, was diverse Schnäpse und Biere aus der Minibar so kosten. Also
wird der ursprüngliche Barinhalt in die hinterste Ecke gerückt, damit wir Platz für das Mitgebrachte haben.
Ein moderner Flachbildfernseher soll uns abends, nach einem ereignisreichen Tag an Bord, die Zeit noch ein wenig vertreiben. Nachrichten oder der ein oder andere Film kurz vor dem Zubettgehen
ist so mein Ding. Wir empfangen genau vier Kanäle. Zwei Kinderkanäle und zwei mit Nachrichten-News. Alle ohne Ton, na klasse.
Auf der Ablagefläche, die sich vom Handwaschbecken bis zum Schrank zieht, steht ein Tablett mit Kaffeemaschine, jeweils zwei Gläsern und Tassen sowie ein Eiskübel. Die Idee mit der
Kaffeemaschine finde ich gut durchdacht, zumal die vier Beutel, in denen sich Kaffee und Filter in Kombination befinden, zur kostenlosen Nutzung sind – eines der wenigen Dinge an Bord. Am Ende
des an der Wand entlang angebrachten Mobiliars befindet sich noch ein Vorhang, hinter welchem sich eine Verbindungstür ins nächste Zimmer verbirgt. Wir nutzen dieses Vorhangversteck für
Taschen, aus denen ich die nächsten Tage lebe. Man erinnere sich, es fehlen die Ablageböden im Schrank.
Gegenüber des Schrankes steht eine Art Couch, die zu einem dritten Bett umfunktioniert werden kann. Sie hat ebenfalls eine runde Form, ganz dem Konzept der New Wave entsprechend. Nun ja, für
uns dient sie als zusätzliche Ablagefläche diverser, nicht unterzubringender Kleidungsstücke.
Daneben steht das recht großzügige Bett. Die Rückwand ist die Aushöhlung dessen, was in der Nachbarkabine als Wave zu sehen ist, also wiederum rund. Optisch ist das ganz schön anzusehen, weil
wir dadurch etwas mehr Platz haben. Denkt man. Platz ist in dieser Kabine ein Fremdwort. Sie ist insgesamt mehr lang als breit. Dies wird einem sofort dann klar, wenn vor dem Bettende zwei
Menschen aneinander vorbeilaufen wollen, was nicht möglich ist.
Dies wird sich spätestens beim im Wohnbereich verlegten, hellgelben, mit orangen Ornamenten versehenen Teppichboden zeigen. Ich gebe ihm keine sechs Monate, bis er Gebrauchsspuren aufweist. Die
Laufwege sind nun mal nur auf ganz wenige Zentimeter begrenzt, so dass sich das sehr bald auf dem Teppichboden zeigen wird.
Ob es jedermanns Geschmack ist, Dusche und WC, beide gegenüberliegend am Eingang der Kabine angeordnet, vollkommen offen und blickfrei gut zu heißen, wird bezweifelt. Ich habe es nunmehr
erfahren und muss sagen, dass ich das Konzept nicht für gut halte. Gerade die puristischen Amerikaner werden diese Anordnung und Offenbarung ihrer Privatsphäre nicht annehmen, da bin ich
ziemlich sicher. Aber da braucht man gar nicht bis nach Amerika zu gehen, ich habe mich mit der offenen Wohnweise auch nicht anfreunden können. Und ein Vorhang macht die Sache auch nur
unwesentlich intimer.
Männe als Fachmann für das Handwerkliche findet schnell heraus, dass die New Wave Kabine, wie sich das Konzept des neuen Schiffes nennt, so manche Macken hat. Die futuristische anmutende
Milchglasschiebetür der Dusche klemmt schon in der ersten Stunde ihrer Inbetriebnahme – wir erinnern uns, das Schiff ist niegelnagelneu! Fernseher, wie erwähnt, läuft nicht bzw. nur auf vier
mickrigen Kanälen ohne Ton. Wenn man sich im Handwaschbecken – mehr ist das Ganze nicht - die Hände wäscht – ans Rasieren mag man gar nicht erst denken – ist der komplette umliegende Bereich
einschließlich Fussboden nass. Und das, ohne dass man großartig ausschweifende Bewegungen macht. Schlecht durchdacht! Alles in allem misst das Gardemaß der Kabine in etwa 18 qm zzgl. Balkon,
was uns allerdings angenehm überraschte, war der doch recht großzügig mit seinen ca. 7 qm.
Wilbur
Es klopft an der Kabinentür und wir lernen Wilbur kennen. Wilbur ist ein entzückender, jungenhaft wirkender Thai oder Philippino und er stellt sich in einem singend wirkenden Englisch der
7. Jahrgangsstufe vor. Er ist unser persönlicher Kabinenstewart - dreimal am Tag verfügbar, um im Zimmer nach dem Rechten zu sehen, Eis für den Kübel oder die Bordzeitung zu bringen, Betten
aufzuschütteln, und – bei Bedarf sogar noch per Telefon orderbar. Sein unauslöschlisches, andauerndes Grinsen und seine emsige Art lassen ihn wie einen Lakaien wirken. Er fragt uns nach
unseren Namen und wir entschließen uns, ihm unsere Vornamen zu sagen. Ist einfacher – dachten wir und außerdem durften wir ihn ja auch Wilbur nennen. Er verfällt im gleichen Augenblick in eine
Art Ehrfurcht und Angst, als er den Vornamen Wolfgang hört. Ich glaube, es war der Wolf im Namen, der ihn ein ganz klein wenig in Angst und Schrecken versetzt hat…., aber gleich
darauf kam sein gewohntes Grinsen wieder durch und von da an war man Mister Wolfgang.
Wo zur Hölle ist unser Gepäck?
Wilbur erinnert sich ganz schnell an uns, als ich mich telefonisch mit besagtem, angsteinflößenden Namen gegen 18 Uhr bei ihm melde und wissen will, wann wir mit unseren Koffern rechnen
können. Er ist sehr eifrig bemüht, als er sich sofort anbietet, nach unserem Gepäck Ausschau zu halten, was mir doch ein Schmunzeln entlockt, wenn ich mir vorstelle, wie der gute Wilbur durch
das 329 Meter lange Schiff läuft, um unsere Koffer zu suchen. Wie nicht anders zu erwarten, lässt Wilbur uns nach einiger Zeit durchs Telefon wissen, dass seine Suche nicht erfolgreich war.
Im Kombinieren sind wir nicht schlecht und irgendwie kommen wir zu dem Schluss, dass sich unser Gepäck in friedlicher Erwartung des Abgeholtwerdens geduldig vor unserer ehemaligen Kabinentür
einige Decks tiefer befindet. Wir machen uns auf, unsere Pfadfinder-Kenntnisse erneut unter Beweis zu stellen – doch uns schaffen die nicht mehr, wir wissen jetzt um die Bedeutung der geraden
und ungeraden Ziffern am Ende einer Kabinenzahl.
Schon von weitem erblicken wir unsere einträchtig nebeneinander stehenden Koffer vor der fremden Kabine. Verlassen stehen sie herum, während alle anderen bereits von ihren Besitzern in die
Kabinen geholt worden waren. Aber egal, wir sind glücklich, dass wir nicht noch am Abend an irgendeiner Lost and Found Stelle antanzen müssen oder uns bis zum Ende der Reise mit
Behelfskleidung oder geliehener Zahnbürste begnügen müssen. Vor allem auch deshalb, weil unsere Reise mit dem Einlaufen in New York ja noch lange nicht zu Ende ist……!
Essen fassen
War im Vorhinein in der Ausschreibung des Schiffes von 20 Restaurants zu lesen, in denen man kostenfrei Essen können sollte, erwies sich die Realität als eine andere. Frühstück ohne Aufpreis
boten lediglich fünf Restaurants an, in allen weiteren wird Frühstück gegen Entgelt gereicht. Zu ihrer Verteidigung darf man aber hinzufügen, dass die Anzahl der Restaurants und deren Angebote
absolut ausreichend und von guter Qualität und Auswahl sind. Ansonsten gibt es in vier weiteren Restaurants Mittags- und Abendtisch. Auch hier ist die Auswahl riesig, man kann sich durch
verschiedene Länder essen und die diversen Beigaben wie Laugengebäck und German Meatballs, erstklassige französische Käsesorten und vieles mehr lassen auf eine nicht unerhebliche Erfahrung und
flexiblen Erfindergeist des Küchenchefs schließen.
Gourmet ist möglicherweise etwas anderes, aber auch der Pedant oder anspruchsvolle Genießer findet im Hinblick auf Umfang und Auswahl des wirklich reichen Angebotes sein gut gefülltes
Tellerchen. Wir haben das Angebot, für weitere 20 Dollar pro Mann in einem der zahlreichen, exklusiveren Restaurants zu dinieren, jedenfalls nicht genutzt. Die Buffets der priceless Restaurants
waren vielseitig und schmackhaft genug und das Personal dort – reich an der Zahl und ebenfalls durch die Bank weg Thais und Philippinos – alle sehr zuvorkommend, hilfsbereit und höflich.
Zweier Tag an Bord
Wie erwähnt, hatte ich mich schon sehr geärgert, dass es kein Fernsehprogramm gab. Ich vermisste aber in noch viel größerem Maße eine Routenübersicht mit Schiffsdaten, wie ich sie in Flugzeugen
kennengelernt habe. Ich bin gerne auf dem Laufenden bei allem und wo wir uns gerade befinden, weil es mich ganz einfach interessiert. Wie viel Knoten das Schiff gerade macht, Temperatur und so
weiter halt. Im Geiste formulierte ich bereits meinen Verbesserungsvorschlag für die Reederei oder den Käptn. Ich nehme mal vorweg, dass sie es bis zum Abend des dritten Tages geschafft
haben, eine Art Reiserouter auf den Screen zu zaubern.
Noch nicht ausgereift zwar, aber immerhin erkennbar, dass wir nicht ganz die Nordatlantikroute nehmen würden – vorbei an Island und Grönland und Richtung Kanada, sondern mehr im Mittelatlantik
über Portugal und die Azoren geradehin nach New York. Wirklich sehr schade, ich hatte mich auf ein paar Eisberge – natürlich in gebührendem Abstand – gefreut. Außerdem hat dies mit den Spuren
der Titanic dann ja leider nichts mehr zu tun.
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Reiseroute
Es wundert mich jedoch ganz außerordentlich, dass diese Route gewählt wird – während die Titanic zu damaliger Zeit viel nördlicher übergefahren ist. Ob es südlich schneller geht, ist mir nicht
ganz klar. Möglicherweise sieht der Seeweg weiter nördlich zwar bedeutend weiter aus, jedoch weiß ich bei Flugrouten, dass dies aufgrund der Erdkrümmung absolut nicht der Fall ist. Jedenfalls
enttäuscht mich die Route einigermaßen, muss ich zugeben, ist aber leider nicht zu ändern. Den Käptn darauf anzusprechen erscheint mir doch ein wenig anmaßend! Obwohl……
Nachdem wir am ersten Tag gefühlte zwölf Kilometer an Deck gelaufen sind, waren wir für unseren zweiten Tag entschlossen, es etwas ruhiger angehen zu lassen. Gesehen hatten wir gestern eine
Menge, sicher aber nicht alles. In Anbetracht dessen, dass uns für weitere Besichtigungen und Erkundungsrundgänge noch ein paar Tage Zeit bleiben würden, beabsichtigten wir für heute einfach
relaxtes Outdoor-Decking auf einem Liegestuhl für ein paar Stunden. Ich war erstaunt, dass es angesichts des fabelhaften Wetters nicht noch mehr Menschen auf das Oberdeck gezogen hatte.
Sicherlich war es nicht leer, aber von Überfüllung konnte absolut keine Rede sein. Wie auch beim jeweiligen Essen fassen war es erstaunlich überschaubar, was die Menschenmenge angeht. Ein Punkt
also, der uns als Individual-Reisende im Vorhinein ernsthafte Sorgen bereitet hat und sich jetzt erwiesenermaßen als unbegründet darstellt.
Wie schon gesagt, war es ein sehr windstiller, sonniger zweiter Tag. Eine Stunde zuvor hatten wir am obligatorischen Sicherheitstraining teilnehmen müssen, bei welchem uns in insgesamt vier
Minuten der Gebrauch und das Anlegen der Schwimmwesten erklärt wurde. Der Aufwand, der im Vorhinein mit dieser Übung betrieben wurde, stand in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Noch dazu lief der
Bordfilm, in welchem nochmals auf die sicherheitsrelevanten Eckpunkte hingewiesen wurde, erst nach der Hälfte der Fahrt.
Die Epic ist als besonders familienfreundlich angepriesen, so dass es einfach klar war, eine Menge Kinder an Bord anzutreffen. Sie mögen wohl auch an Bord sein, an anderer Stelle habe ich von
350 Kindern gehört, jedoch gesehen habe ich nicht viele. Vermutet hätte man sie an den bunten, charakteristisch ausgeprägten und langgezogenen Rutschen im Poolbereich, jedoch mehrheitlich
anzutreffen waren sie eher im Innenspielbereich auf unserem Deck. Alarmglocken ausschalten, man nahm kein Kindergeschrei und Getrampel wahr. Und wir sind auch keine Kinderhasser oder sonst was,
aber unsere Arbeit ist getan und die erwachsenen Kinder zu Hause, von daher hatten wir auf wenigstens etwas Ruhe gehofft, die wir absolut vorgefunden haben. Die Kinder waren offensichtlich sehr
wohlerzogen, ohne auf ihre spielerische Entfaltungsmöglichkeiten und dem ihnen eigenen Bewegungsdrang verzichten zu müssen. Das geht nämlich auch……! Möglicherweise lag es aber auch nur an der
besonders dichten Dämmung des Spiel- und Sportbereiches, wer weiß.
Dritter Tag an Bord
Der Morgen begrüßt uns etwas trüb, leichtem Wellengang und etwas schaukelnden Blanken. Schon am Abend zuvor war uns aufgefallen, dass es mit der ruhigen See vorbei war und es das ein oder
andere Mal vibrierte und wackelte.
Auf dem Weg zum Frühstück trafen wir die Kreuzfahrer-Profis des ersten Tages wieder. Während wir ins Restaurant gingen, kamen sie uns entgegen und wir verabreden uns für später auf dem
Pooldeck. Im Laufe des Tages wurde aus den leichten Schwankungen immer mehr schwerer Seegang und ich muss zugeben, dass uns das ein oder andere Mal doch leichte Übelkeit befiel. Das Laufen
bereitete die üblichen, umständehalber bekannten Schwierigkeiten und es wurde durchgesagt, dass man sich auf den Außenanlagen mit Vorsicht bewegen sollte. Der Sturm war zum Teil sehr stark, in
einigen Bereichen konnte man sich aber sehr gut aufhalten und gegen Mittag kam die Sonne zum Vorschein, gewohnt blauer Himmel verwöhnte uns auf dem Pooldeck. Lediglich der Wind hatte sich ein
ganz klein wenig gelegt.
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Bordleben
Am Abend fühlten wir uns patriotisch mit den Amerikanern, als sie gegen Ghana um den Einzug ins Viertelfinale spielten. Wir saßen unter all den Engländern und Amis und feuerten sie an, was das
Zeug hielt. Es war eine richtig eingeschworene Gemeinde und kein Mensch merkte, dass wir eigentlich nicht dazugehörten. Bei dieser Gelegenheit hielten wir schon mal Ausschau für unser Spiel
morgen gegen England, was in Anbetracht der Vielzahl von englischen Fans ein richtiger Brüller zu werden versprach. Public Viewing mit den Deutschen in der Unterzahl an Fans, nicht schlecht.
Nachdem beim heutigen Spiel schon so viele Zuschauer sich einfanden und wir nur in der zweiten Reihe vor einer riesigen Leinwand Platz bekamen, wollten wir morgen rechtzeitig da sein, um gegen
all die Fans der anderen Seite gewappnet zu sein.
In der Kabine war auch am Ende eines langen Arbeitstages Wilbur wieder zu Gast gewesen und hat uns, man glaubt es kaum, das Bett aufgedeckt. Das war fast zuviel des Guten, aber was sollen wir
dagegen machen. Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst, so ernst sogar, dass er gegen 22.00 Uhr nochmals klopft und uns die Bordzeitung des nächsten Tages hereinreicht. Man fragt sich, wann diese
Menschen schlafen. Morgens sind sie schon um 6.00 Uhr auf den Fluren unterwegs und wer weiß, was er nach 22.00 Uhr noch alles zu erledigen hatte. Kaum zu glauben, ich wüßte gerne seinen Lohn.
Er wird trotz der langen Arbeitszeit nicht sonderlich hoch sein.
Unser Balkon ringt mir bis heute noch immer eine Menge Respekt ab. Ich kann ihn gut betreten, auch morgens früh ganz allein, aber es bleibt jedes Mal ein Rest unguten Gefühls übrig. Einer, der
über Bord geht, hat wohl wenig Chancen, nochmal aufgefischt zu werden. Bis die Epic gedreht oder angehalten hat, vergehen sicher einige Meilen. Den im Wasser Gestrandeten findet man doch nie im
Leben wieder. Aber ich bin trotzdem stolz, dass ich außer dem unguten Gefühl keine weiteren schlechten Gedanken habe und ihn mutig immer wieder betrete. Er bleibt bis zum letzten Tag meine
kleine, persönliche Herausforderung täglich aufgrund meiner Höhenangst, aber in erster Linie wegen der Angst, bei starkem Sturm über die Reling geweht zu werden, während Wilburs Mister Wolfgang
fröhlich duschend und nichts ahnend in seiner New Wave steht.
Wir haben zeitweise eine schnellere Geschwindigkeit drauf, wie zu Anfang. Während das Schiff die beiden ersten Tage durch das Wasser glitt, als befände man sich geschwindigkeitsmäßig wie bei
der Einfahrt in den Hafen, also ruhig und sacht, pflügt es heute schneller und aufbrausender durch die See. Mein Verdacht, man wollte die Antriebswelle anfangs nicht über das Maß strapazieren,
verstärkt sich. Mal sehen, wie es weitergeht….
Vierter Tag an Bord
Der Tag beginnt mit Nebel und Feuchtigkeit. Wir sind überrascht, dass wir auf unserem Routenplan vom Schiff entnehmen können, bereits direkt über den Azoren zu schippern. Langsam entfernen wir
uns von der Küste Portugals und wir fragen uns, warum wir erst Richtung Süden gefahren sind ab England und jetzt, quasi über Nacht, Kurs Richtung Norden genommen haben. Nicht viel zwar, aber
doch bemerkenswert. Am Abend, das nehme ich jetzt schon mal voraus, dürften wir ungefähr die Hälfte der Route geschafft haben. Tja, der anfängliche Knick gen Süden bleibt ein Geheimnis.
Gegen 12.00 Uhr machen wir uns auf, uns ein adäquates Plätzchen zwischen all den englischen Fans zu sichern, denn ab 13.00 Uhr wird das Halbfinalspiel Deutschland : England übertragen. Notfalls
hätte man es ja auch in der Kabine anschauen können, aber wir erinnern uns….der Ton macht die Musik – wir haben noch immer keinen Ton im Fernseher.
Schon von weitem erkennen wir auf einen Blick, dass es mit unserem gut einsehbaren Platz zur Leinwand nichts wird. Englische Fans so weit das Auge reicht. Man kann die Leinwand von zwei Decks
einsehen in einer Art Atrium. Oben, wo wir gestern Abend saßen, war nichts mehr zu machen. Unten, direkt vor der Leinwand war auch bereits jeder Platz belegt. Wir kamen gerade, als eine
Bildersession beendet war und hofften, dass doch einige Plätze nun frei werden würden. Als wir im Atrium direkt angelangten, standen lediglich zwei einsame, am Rand der großen Zuschauerarena
abgestellte Stühle, die in diesem Moment frei geworden sein mussten. Wir ergatterten sie uns in der Hoffnung, später einen vielleicht günstigeren Platz erhaschen zu können. Diese Hoffnung blieb
jedoch unbegründet, es war und blieb der einzige Platz, der frei wurde und auf dem wir dann auch bis zum Ende des Spiels sitzenblieben.
Bereits bei den Nationalhymnen wurde der Handvoll deutscher Fans gezeigt, wo der Hammer zu hängen hatte in Kürze. Während bei unserer Hymne alles ruhig blieb, schmetterten die Engländer ihre
Save the Queen Arie in den höchsten Tönen mit und es war eine Riesenstimmung in der Halle, die sich immer mehr füllte mit Stehgästen. Das Spiel war einfach nur traumhaft, bis auf die letzten 20
Minuten der zweiten Halbzeit, als Löw seinen Mannen wohl zu verstehen gegeben hat, dass das Ergebnis 4 : 1 für Deutschland mehr als genug war. Die Engländer in unserer Nähe – waren sie
anfangs noch enthusiastisch und anfeuernd, wurden nach jedem deutschen Tor kleinlauter und einsilbiger.
Lediglich ihr einziges Tor ließ sie aus ihrer Lethargie aufwachen und das Gebrüll war unglaublich. Nun ja, was soll man sagen, ab dann hat man sie kaum mehr – aus besagten Gründen – gehört.
Fast konnten sie einem dann schon wieder leid tun, aber andererseits wäre die Feier, die einem englischen Sieg gefolgt wäre, sicher in die Annalen der Epic-Geschichtsbücher eingegangen.
War schon gut so, wie es war. Die Deutschen hingegen feierten ihren Sieg leise und bescheiden, genauso wie man sie kennt – ganz ehrlich jetzt…
Wir machen am Nachmittag eine Erkundungstour durch das Schiff und gelangen auf das Deck, auf welchem man über eine kleine Treppen in die jeweiligen Rettungsboote gelangt. Sehr nobel geht ein
Schiff heute zugrunde, wenn man bedenkt, in welche Schaluppen die Menschen vor 100 Jahren von der Titanic geklettert sind. Die Rettungsboote sehen aus wie kleine U-Boote. Sie sind rundum zu und
was man so sehen konnte, sitzen die Schiffbrüchigen auf Bänken. Proviant und Frischwasser befinden sich bestimmt auch im Boot, so groß wie sie sind. Meiner Schätzung nach passen mit Sicherheit
150 Leute in eines, vielleicht sogar 200.
Ich habe auf der Backbordseite zehn und auf der Steuerbordseite neun Boote gezählt. Daneben gibt es noch sieben Rettungsinseln, fest vertaut und ziemlich vertrauenserweckend. Eine fehlte
und man fragt sich, ob diese vergessen wurde oder was sonst mit ihr passiert ist. Wieviel Menschen eine Rettungsinsel fasst, läßt sich schwer sagen, da man sie nicht in ausgebreitetem Zustand
sehen kann. Die Rettungsinseln sind übrigens für die Crew gedacht, wie ich später erfahren habe. Aber alles in allem dürfte für die Rettung aller ca. 5.500 Personen gesorgt sein. Kaum
anzunehmen, dass man seit 1912 nochmal ein Schiff baute, bei dem es nicht genügend Rettungsboote gab.
Auf der Strecke Steuer- und Backbordseite geht es fast 300 Meter lang seitwärts am Schiff für die Jogger auf die Tour. Mit Begeisterung und Enthusiasmus waren an diesem Nachmittag nicht wenige
Herrschaften unterwegs, die sich durch Kraft und Ausdauer die Sünden des Buffets abtrainieren wollten. Nun ja, bei manchen Damen wogen die Halsketten schon recht schwer. Diese abgelegt, wäre
der Parcours schneller und müheloser zu absolvieren gewesen.
Wir streunen noch ein wenig durch das ganze Schiff, immer gibt es Neues zu entdecken und immer ist es am vollsten im Bereich von Black Jack und seinen einarmigen Banditen. Spielende Frauen, die
versiert und professionell diese Geräte am Hebel bedienen können und denen man es anmerkt, dass sie sich dort heimisch fühlen und gut auskennen, spielende Männer mit dem gewohnt getrübten
Spielerblick des Las Vegas Vagabunden, sie alle bevölkern schon in den frühen Morgenstunden den Casino-Bereich auf Deck 6. Nebenbei bemerkt der einzige Innenbereich im Schiff, in welchem man
rauchen darf. Sehr großzügig - nein, keine Ironie.
Wilbur hatte uns gestern einen Monkey aus einem Handtuch gebastelt und ihn an die Dusche gehängt, damit wir ihn gleichen sehen können. An ihn hatte er einen Zettel geheftet, auf welchem er uns
schriftlich daran erinnern wollte, dass wir heute Nacht die Uhren wieder um eine Stunde zurückdrehen müssen. So süß und witzig, der gute Wilbur. Heute wollte er wissen, ob es uns gefallen hat.
Natürlich Wilbur, Du machst das klasse und am Morgen trug ich den Monkey auseinandergefaltet in meinem nassen, frisch gewaschenen Haar verschlungen als Turban. You made my day, Wilbur…
Abends waren wir nobel speisen in einem der kostenfreien, aber sehr exclusiven Restaurants – Manhattan Room. In Anbetracht dessen, dass wir dort bald einlaufen würden, fand ich es mehr als
standesgemäß, den Ort unseres baldigen Andockens auszuwählen. Unter den Klängen der Live-Music eines Sängers nach Liedern des Gott hab ihn selig verstorbenen Frank Sinatra ließen wir es uns bei
Krabben, smoked Salmon und Key Lime Pie schmecken. Ich fand es sehr angenehm, kann aber weiterhin gegen die Buffet-Restaurants nichts sagen. Wir hatten das Frühstück ja schon einen Tag zuvor im
Manhattan Room und da war mir das Schnick-Schnack eindeutig zuviel. Abends jedoch, bei Kerzenschein und angenehmen Musikklängen war das Ambiente angemessen und man genoss es, sich bedienen zu
lassen. Alles halt zu seiner Zeit…!
Auf dem Rückweg vom Manhattan Room wollten wir noch einmal Halt machen im Spielcasino. Nicht des Spielens willen, sondern legal eine Zigarette zu rauchen. Aufgrund der ungeheuren Anzahl von
Automaten und Spieltischen blieben, trotz dass das Casino gut besucht war, eine Reihe der Angebote ungenutzt. Vorbei kamen wir auch am Lokal, wo wir am nächsten Tag Karten für die Boy Man Group
reserviert hatten. Davor bildete sich eine lange Schlange Menschen, etwas, worauf ich ja schon seit ein paar Tagen wartete, traf nunmehr ein. Hatten es Buffets, Pooldeck und exklusive
Restaurants nicht geschafft, dass Menschen anstanden, um dorthin oder dahinein zu gelangen, war nun das Ereignis eingetreten, dass man zur Blue Men Group anstehen musste. Schade, ich hatte
gehofft, der Kelch ginge an mir vorüber und ich bin ziemlich sicher, dass am morgigen Tag, wenn ich zur Veranstaltung will, der Andrang sicher ebenso groß sein wird, wie heute. Blue Man Group
wäre also für den Montag geplant und ggf. Dienstag, also vorletzter Abend an Bord, noch eine weitere Veranstaltung.
Auf unserem Streifzug durch das Schiff am Nachmittag sind wir am Duty Free Shop vorbeigekommen. Bei den Angeboten handelt es sich in der Hauptsache um Alkohol, den man aber auf dem Schiff – wie
wäre es anders zu erwarten gewesen – nicht verköstigen darf. Logisch, oder? Die Leute wollen doch an ihren Bars und Minibars-Inhalten verdienen. Also ist das Thema erst mal vom Tisch. Nicht
aber das Thema Zigaretten. Nach dem Stand von März 2010 ist mir bekannt, dass die Zigaretten in Florida um die 30 Dollar kosten. Hier auf dem Schiff kostet eine Stange nur 27 Dollar und es gibt
noch das Angebot der 5-er Stange für 108 Dollar. Mal schauen morgen, für was ich mich entscheide. Wobei der Shop-Assistant schon vorgewarnt hatte, als ich nach den Öffnungszeiten für morgen
fragte, dass er nur mehr wenige Stangen Zigaretten vorrätig habe.
Okay, das zu glauben fällt mir schwer, aber es könnte trotzdem sein, von daher wird morgen zugeschlagen.
Ich bin mir nicht sicher, inwieweit die Zollbestimmungen bei der Einreise in die USA eine Freigrenze für Zigaretten (und anderes) zulassen. Also kurzerhand rufe ich die deutsche Schiffsguide
der NCL an und erkundige mich nach den Bestimmungen. Sie kennt sie selbst nicht und verspricht, sich zu erkundigen. Ihr Rückruf danach ist nicht weiter aufschlussreich, mit den Antworten kann
man nichts anfangen. Nachdem wir aber um die drastischen Immigration-Gesetze und deren Durchführung wissen, möchte ich die Gefahr, wegen Zigarettenschmuggels mit dem nächsten Flieger nach
Deutschland geschickt zu werden, nicht eingehen und belasse es bei drei Stangen, was ja auch noch etwas über der mutmaßlich erlaubten Grenze liegt.
Bei der Gelegenheit lässt Frau Susanne NCL uns wissen, dass wir für die erlittenen Unannehmlichkeiten der Anfangstage mit einem Entgegenkommen seitens des Unternehmens rechnen könnten und
es wäre ihr eine Freude, uns einen schönen Abend mit einem Abendessen in einem der teuren Restaurants inklusive einer Flasche Wein als Trost und Wiedergutmachung anbieten zu können. Nun ja,
sehr nobel, ich hatte aber doch eher mit einem Reisegutschein für eine irgendwann stattfindende Kreuzfahrt in der Karibik gerechnet. Auch gut, dann lassen wir es uns eben auf Kosten des Hauses
gut schmecken. Besser als gar nichts. Sie lässt uns nebenbei wissen, dass es hinsichtlich der nicht funktionieren Fernseher noch viele Beanstandungen weiterer Gäste gegeben habe und ich werde
den Verdacht nicht los, dass wir an diesem Spezialabend mit Wein auf dem Tisch neben einer Vielzahl anderer Unglücksraben vereint sein werden.
Fünfter Tag an Bord
Der frühe Morgen begrüßt uns wieder mit Nebel und Feuchtigkeit. Gestern am späten Abend habe ich konsterniert, dass wir mittlerweile die Hälfte unserer Überfahrt hinter uns haben. Drei Tage und
der halbe Tag vor Einlaufen in New York bleiben uns also noch.
Mir juckt es in den Fingern, Kontakt mit zu Hause aufzunehmen. Ich wüsste gerne, ob alles okay ist und fände es schön, meine Lieben kurz wissen zu lassen, wie es uns geht. Telefonieren ist
absolut indiskutabel, ich glaube, eine Minute liegt bei rund 8 Dollar. Wir waren vor ein paar Tagen bereits unterwegs in Sachen Internet-Aktivierung, konnten uns aber noch nicht entschließen.
Die Erst-Aktivierung kostet 3,95 Dollar, jede weitere Minute käme auf 0,75 Dollarcent. Also wäre ich bei einer dreiminütigen E-Mail bei ca. 6,25 Dollar.
Nun muss man wissen, dass NCL sehr sozial eingestellt ist und sich für die Zauderer in Sachen Internet eine lukrative Sache hat einfallen lassen. Man kann Packages kaufen, deren Umfang
gestaffelt ist. Ein Package sähe zum Beispiel vor, für 55 Dollar 100 Minuten lang im Internet zu surfen. Somit reduziert sich die Minute von 0,75 auf 0,55 Dollarcent. Bei diesem Preis ist fast
die Einmalgebühr der Aktivierung in Höhe von 3,95 Dollar zu vernachlässigen.
Bei den jetzt zu verbleibenden dreieinhalb Tagen an Bord lohnt rechnerisch der Einsatz von 100 Minuten nicht mehr, soviel ist sicher. Möglicherweise entscheide ich mich baldigst zum zufällig
anfallenden Preis von wenigen Minuten, wobei das Lesen einer wiederum empfangenen E-Mail ja ebenfalls Kosten verursacht. Alles eine Frage des Geldes….!
Während sich gestern das Wetter im Laufe des Tages noch recht freundlich gestaltete, war heute mit keiner Besserung der Lage zu rechnen. Zwar blieb es trüb und unfreundlich, und am Nachmittag
kam die Sonne minutenweise zum Vorschein, aber gegen Abend war das Wetter dann komplett dahin – es beginnt zu regnen. Das Pooldeck liegt traurig und verlassen da, tiefe Pfützen stehen überall
und der Wind bläst mit ununterbrochener Heftigkeit. In den Restaurants, im Atrium und dem Casino versuchen die Menschen, die Zeit während der unerwarteten Schlechtwetterlage totzuschlagen.
Holland ist fussballtechnisch gesehen eine Runde weiter und auf dem Screen im Atrium läßt uns Sky News wissen, dass Westeuropa unter dem Einfluss eines Hochdruckgebietes mit Temperaturen von 30
Grad steht. Davon sind wir mit unseren 16 oder 17 Grad weit entfernt.
Ich habe mich entschlossen, eine vorbildliche Visa Waver Travelerin zu sein und nichts am Zoll vorbeizuschmuggeln. Die Zigaretten im 2-er Pack für 49 Dollar sind auch so ein gutes Schnäppchen
und ich kann dafür am Zoll auf Herzklopfen und schlechtes Gewissen verzichten.
Sechster Tag an Bord
Besser ist das Wetter nicht geworden. Am Morgen wieder dichter Nebel, der eine Sicht von möglicherweise 3 bis 4 Metern erlaubt. Es ist kalt, laut Bordnews im Fernseher ca. 14 Grad. Der Wind ist
auch heute wieder unser Begleiter und es regnet ein wenig.
Gestern Abend durfte ich die freudige Neuigkeit erfahren, dass unser Fernseher nun auch mit Ton ausgestattet ist. Somit sind wenigstens die Nachrichten nun abrufbar, Filme – das hatte ich ja
bereits erwähnt, gibt es nicht. Wäre heute, bei dem üblen Wetter, keine schlechte Abwechslung gewesen.
Das Nautic-Informationszentrum, so nenne ich mal die Infos von der Brücke der Epic, die in das Fernsehprogramm eingespeist werden, läßt uns wissen, dass wir noch 900 und ein paar Gequetschte
Meilen vor uns haben bis New York. Entweder haben wir jetzt eine andere Karte auf dem Bildschirm, auf der der Verlauf der Route zu sehen ist, oder wir haben, wie andeutungsweise zu sehen ist,
die Route ein wenig nach Norden korrigiert, so dass es jetzt ganz offensichtlich ist, dass wir doch Kurs auf Nova Scotia in Kanada nehmen und uns gerade im Moment einige Seemeilen unter
Neufundland befinden. Schön, somit kommen wir der Route der Titanic doch in etwa nahe.
Wie seit Tagen obligatorisch, wurden wir angehalten, am Morgen oder noch gestern Abend die Uhren um eine Stunde zurückzustellen. Wir sind also jetzt noch eine Stunde von der Ostküstenzeit der
USA entfernt, vier Stunden wurden ja bereits in den letzten Tagen rückwärts gedreht. Hinzu kommt die gewonnene Stunde in England, passt also. Morgen dürften wir dann bei den üblichen sechs
Stunden Zeitverschiebung Deutschland – USA Ostküste angekommen sein. Es ist halt ein kleiner Unterschied - mit dem Flugzeug ist die ganze Zeitverschiebungsarie in 8-9 Stunden erledigt.
Gestern Abend war Wilbur wieder in Sachen Tierwelt unterwegs und hat uns ein zu einer Kuhfigur gebasteltes Handtuch auf das Bett gestellt. Nun darf man nicht vergessen, dass Wilbur dies zwar
aus Freundlichkeit macht, aber ein klein wenig Eigennutz steckt natürlich auch dahinter – vom Trinkgeld leben Menschen wie er. Wilbur – ich wollte ihn nicht ausfragen – schuftet mit Sicherheit
für seine in der Heimat befindliche Familie, und das, wie ich von einem anderen Crewmitglied erfahren habe, ganz genau achtzehn Stunden am Tag. Wilbur wird es mit Sicherheit nicht anders
ergehen und ihm bleiben sechs Stündchen Zeit für Schlaf und persönliche Dinge. Die Menschen bleiben für zehn Monate an Bord, die Crew der Epic zum Beispiel geht nach dem Einlaufen in New York
und den dann folgenden Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag der Amerikaner am 4. Juli mit dazugehöriger Schiffstaufe der Epic – ja, wir fahren mit einem ungetauften Baby durch die Gegend –
nach Miami und cruised dort in der Karibik. Klingt alles sehr schön, aber wenn man sich die traurige Realität von Wilbur vor Augen hält….!
Siebenter Tag an Bord
Wir hatten am Morgen endlich wieder mit etwas besserem Wetter gerechnet, aber der Nebel war unverändert dicht. Gestern Abend fanden wir vor unserer Kabinentür eine Mitteilung vor, dass wir
heute um 9.30 Uhr zu einer Zusammenkunft eingeladen sind, bei welcher die Ausschiffungsmodalitäten besprochen werden sollen. Nachdem wir beim ersten Meeting nicht teilnehmen konnten, da uns die
Einladung nicht erreichte, konnten wir uns heute ein Bild davon machen, wieviele deutsche Kreuzfahrer an Bord waren. Möglicherweise fanden sich nicht alle ein, aber wahrscheinlich war doch ein
Großteil der Leute gekommen. Eine Besprechung, bei welcher Tipps über das Ausschiffen und deren Effektivität in Sachen Schnelligkeit, Koffertransfer und Einreise in die USA erörtert werden
sollten, würden sich bestimmt die Wenigsten entgehen lassen.
Viel Neues war jedoch nicht zur erfahren, lediglich hatte man die Wahl zwischen Express-Ausschiffung, d.h. diese Gruppe kommt zuerst an die Reihe und jeder befördert sein Gepäck selbst zur
Immigration in die Halle. Danach werden je nach Deck diverse Farbanhänger ausgegeben – diese Gruppen sollen sodann ausgerufen werden.
Wir entscheiden uns für die zweite Variante, was sich hinterher als ein Fehler herausstellen soltel.
Der Nachmittag bessert sich wettermässig ein wenig, wir können für kurze Zeit auf das Pooldeck und es uns auf Liegestühlen bequem machen. In der heutigen Bordzeitung war zu lesen, dass es von
17-18 Uhr einen Umtrunk geben soll, zu welchem der Käptn einlädt.
Aufgrund dessen, dass die Koffer bei unserer gewählten Ausschiffvariante vor Mitternacht vor die Kabinentür zu stellen sind, wollen wir noch vor dem Umtrunk unsere Sachen packen, was sich
aufgrund des nicht ausgepackten Koffers als übersichtliche und zeitsparende Angelegenheit darstellt. Alles hat nun mal zwei Seiten…
Wir sind schon 15 Minuten vor der vereinbarten Zeit in einer der Bars, in denen man – da angrenzend an das Spielcasino – rauchen darf. Wenn es was umsonst gibt, sind die Leute gerne pünktlich
und schnell füllte sich die Bar und deren Umgebung. Wir konnten nicht die volle Cocktail-Stunde bleiben, weil wir uns für 17.45 Uhr zu einem von unserer Reiseleiterin geladenen Essen in einem
der gepriesenen, teuren Luxus-Restaurants entschlossen hatten.
Der Käptn ließ sich seine Maiden-Fahrt mit der Epic und deren erfolgreichen, bevorstehenden Ende ohne Motorschaden etwas kosten. Wir hatten eigentlich erwartet, dass man, um ein Gläschen zu
erhaschen, anstehen und um den guten Tropfen betteln müsste. Aber es war gut organisiert, diverse Kellner liefen mit Tabletts voll Wein, Sekt, Bier und anderer bunter Cocktailgläser durch die
Menge und das ganze lief sehr entspannt und relaxed ab. Unsere Kreuzfahrer-Profis der ersten Stunden wollten sich das Gläschen umsonst auch nicht entgehen lassen und die Zeit verging leider
viel zu schnell, bis wir zum Lokaltermin ins beste Restaurant an Bord aufbrechen mussten.Wir hatten diese Essenseinladung ja aufgrund all der erlittenen Widrigkeiten in den ersten Tagen an Bord
erhalten. Klar, man musste seinen Unmut schon mal kundtun – zumal es sich ja nicht unbedingt um Kleinigkeiten gehandelt hat, mit denen wir zu kämpfen hatten.
Das Restaurant erwies sich als recht nobel, auch wenn wie üblich die Bedienungen schlecht englisch sprechende Thais oder Philippinen waren. Schade, ich hätte wenigstens hier etwas mehr
Perfektionismus erwartet. Nun ja, kam es uns nur so vor, oder waren noch mehr Gäste zu diesem Zeitpunkt eingeladene Kritiker umständehalber? Klar, wir waren nicht die Art zahlender
Restaurantbesucher, wie es der Rest war. Deshalb der frühe Termin um 17.45 Uhr, später kommt die wirklich zahlende Prominenz der Courtyard-Suiten. In etwa fühlten wir uns auch ein klein wenig
von den Philippinos von oben herab behandelt. Ziemlich arm für das beste Restaurant am Platze. Wir haben es freundlich und mit leichtem Spott und Ironie zur Kenntnis genommen, von Qualität
zeugt dies aber nicht.
Ein Steak Mignon well done muss nicht unbedingt ein schwarzgegrillter Klops sein, auch wenn die Kellnerin dies meinte, weil ich es ja unbedingt well done haben wollte. Ich – auch wenn
degradiert als Gast der zweiten Klasse – war dieser Meinung jedoch nicht und ließ das das Dämchen auch wissen.
Ziemlich unwillig nahm sie mein bitter schmeckendes, verkokeltes Etwas wieder mit. Schön, dass der Chef de Restaurant wenigstens eine Hotelfachschule besucht zu haben schien, denn es entging
seinem geschulten Auge nicht, dass nur einer an unserem Tische aß, während der andere vor seinem leerem Teller saß. Mit ungewohnter Freundlichkeit und ehrlichem Interesse wollte er wissen,
warum ich nichts äße. Froh, einen Verbündeten gefunden zu haben, erzählte ich ihm von der Geschichte und dem schwarzen, kleingekokelten, ehemals edlen Fleischstück.
Ohne viel Worte zu machen stürmte er Richtung Küche und ließ sich wohl das Korpus Delicti zeigen, denn kurze Zeit später erschien Miss Philippini und entschuldigte sich endlich so, wie es sich
gehörte und versprach, das nächte Stück Mignon moderat zubereiten zu lassen.
Insgesamt war ich bereits ja schon vor ein paar Tagen zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht nötig ist, die Bezahl-Restaurants aufzusuchen, denn die allgemein zugänglichen all inklusiv bringen
absolut das auf den Tisch, bei dem der Gast zufrieden ist. Natürlich hatte ich Pech gehabt, aber die Buffets der normalen Restaurants boten das, was man mir unglücklicherweise vorgesetzt hatte,
jedenfalls nicht an. Punkt.
Zu späterer Stunde gesellten wir uns nochmals auf ein Forster zu den Kreuzfahrer-Profis auf dem Pooldeck, die an diesem Abend mit Sicherheit kein besseres Essen genossen hatten, als wir. Bei
letzten guten Tipps für New York, wo die Endstation unserer Kreuzfahrer-Profis sein sollte und wo sie noch nicht waren, bemerkten wir plötzlich eine hektische Unruhe und eiliges Eilen auf eine
Seite des Schiffes. Schnell wurde klar, dass es sich um ein Schiff in nur 200 Metern Entfernung handelte. Wir wollten uns das Schauspiel natürlich nicht entgehen lassen, da sich herausstellte,
dass es sich bei dem vorbeifahrenden Schiff um die Queen Elizabeth II handelte, die im roten Licht der untergehenden Sonne eine perfekte Bühne für ihren Auftritt gewählt hatte. Sie war einen
Tag später aus Southampton gestartet und hatte uns bei der Überfahrt über den Atlantik in ungefährer Höhe von Boston eingeholt. Beim Vorbeiziehen ließ sie ihr Nebelhorn laut und triumphierend
mehrfach erklingen. Das Klicken der Fotoapparate von Bord der Queen blitzte unaufhörlich, ebenso wie die Menschen dort unsere Aktivitäten in Sachen Bildermachen sicher sahen. Natürlich stieß
auch die Epic mehrfach das Nebelhorn und es glich einem kleinen Rennen, das sich die beiden Ozeanriesen lieferten. Nun ja, der Gewinner war die Queen…..!
Ach ja, Wilbur…er hat an unserem letzten Abend auf der Epic nochmal seine ganze Kreativität zum Besten gegeben und uns ein ganz besonders aufwendiges Teil gebastelt. Die unaufdringliche
Freundlichkeit dieses bescheidenen Menschen werden wir vermissen.
Achter Tag an Bord
Wir hatten gestern Abend noch zu später Stunde unsere gepackten Koffer vor die Tür gestellt. Jetzt waren wir irgendwie etwas einlastig, was Klamotten und Zubehör angeht. Der Morgen war
überraschend weitsichtig, was den bereits gewohnten Nebel anging. Wir hatten schon gar nicht mehr mit klaren frühen Morgenstunden gerechnet, aber als wolle das Wetter sich für die vergangenen
Tage entschuldigen, hatte man doch eine recht gute Sicht und in der Ferne schien es so, als würde die Sonne herauskommen.
Es dauerte nicht lange, und man konnte am Horizont in Richtung Vorderschiff Land ausmachen. Eine merkwürdige Erfahrung nach den langen Tagen an Bord mit nichts als Wasser um uns. Die
Zivilisation schien uns wieder zu haben, denn wir nahmen kurze Zeit später die ersten Flugzeuge wahr, die von oder nach New York flogen.
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Nicht im Jahr 1750, aber auch 2010 nicht weniger beeindruckend
Nach weiteren Meilen kam uns in nicht weiter Entfernung ein Container-Schiff entgegen, welches wohl gerade den New Yorker Hafen verlassen haben musste. Ein kleines Motorboot legte bei uns an
und wir konnten auf dem Schriftzug den Namen Pilot lesen. Der Lotse ging also an Bord, mit allerlei kleineren Koffern, möglicherweise Seekarten darin oder ähnliches.
Das zu Anfang wahrgenommene Festland kam immer näher, ein untrügliches Zeichen für das baldige Ende unserer Reise. Da wir die ungefähre Ausschiffungszeit mit 10.00 Uhr genannt bekamen, wollten
wir noch vor Einlaufen in den New Yorker Hafen gefrühstückt haben, um die Hände frei für das obligatorische Fotografieren zu haben.
Der Zug gen Westen fiel mir spontan ein, als ich die Menschenmenge vor dem Frühstückraum in das Garden Cafe strömen sah. Die hatten wohl alle dieselbe Idee und wollten vor Einlaufen in
den Hafen ein letztes Mal das Buffet stürmen.
Es war, als wolle die Szenerie nochmal alles geben, sie war einfach perfekt und standesgemäß für die Epic. Ein strahlend blauer Himmel mit Sonnenschein bot sich uns und wir beeilten uns, an
Deck zu kommen. Auch dort war schon alles versammelt und wir machten Fotos von Dingen, die wir bereits mehrfach in den Jahren zuvor in New York aufgenommen hatten. Aber es war nun einmal von
der Epic herunter, wieder neu, wieder ein anderer Blickwinkel, ein Muss ganz einfach. Die grünspanige Lady Liberty stand auch noch immer an der gleichen Stelle, wo wir sie das letzte Mal
aufgenommen hatten, aber der Klick auf sie war einfach obligatorisch nach der langen Fahrt. Gegen 10.15 Uhr machten wir am Pier 88 fest und der Zoll kam an Bord. Inwieweit hier Kontrollen
vorgenommen wurden, werden wir nie erfahren.
Da wir die Farbe der ersten Ausschiffer gewählt hatten, man erinnere sich, es wäre auch das Selbstausschiffen unter Mitnahme des Gepäcks möglich gewesen, warteten wir auf die Durchsage, dass
unsere Farbe an der Reihe wäre. Irgendwann hat es uns dann aber zu lange gedauert und wir machten uns kurzerhand eigenständig auf den Weg, nicht ohne mehrfach einen letzten Blick in unsere nun
verwaist daliegende Kabine zu werfen in weiser Voraussicht auf ungute Erinnerung in Sachen vergessenem Schmuck in Southampton.
Als wir auf das Deck kamen, auf der die Sammelstelle für Kreuzschiff-Ausschiffer war, beschlich uns eine leise Ahnung, wie lange diese Prozedur dauern könnte. Es mögen wohl zwei oder drei Luken
geöffnet sein, durch die sich nun Tausende von Menschen einfädeln müssen. Eine schreckliche Vorstellung. Die Selbstausschiffer gingen nach einer Weile stetig von Bord, wir mit unserem bunten
Fähnchen am Koffer mussten weiter ausharren – war nicht meine Idee, ich hätte lieber meine Koffer geschnappt und wäre direkt von Bord.
Nachdem gefühlterweise zwei Drittel der Menschen von Bord waren, entschlossen wir uns, in die Riege der Farbe gelb zu schmuggeln, obwohl wir orange hatten und noch hätten warten müssen. Wir
gingen so unspektakulär von Bord, wie wir drauf gegangen waren. Durch eine kurze Brücke und schon lag die Epic ohne uns im Hafen, so schnell geht es, einen Abschnitt im Leben hinter sich zu
lassen, an den wir uns – nicht ohne einen Anflug von schwarzem Humor, leichter Ironie und freundlichen Gedanken später erinnern werden.
Wir kamen in eine riesige und klimatisierte Halle, in der in verschiedenen Sektoren eine schier unzählbare Anzahl von Koffern wartete, alle mit unterschiedlichen bunten Fähnchen versehen.
Ich hätte zu gerne ein Foto von diesem witzigen Bild, das sich uns bot, gemacht, aber die Amerikaner kennen hier keinen Spass, wenn in öffentlichen Gebäuden fotografiert wird.
Nachdem wir erstaunlich schnell unsere Koffer gefunden hatten, ging es zur Immigration. Hier wird mir immer ein wenig mulmig im Magen, wenn man an die Horrorgeschichten von zurückgeschickten
Touristen denkt, denn jeder Einreisende in die USA ist in den Augen der Amerikaner ein potentieller illegaler Einwanderer!
Wir schafften das Prozedere in knapp einer Stunde, erstaunlich schnell eigentlich ob der wartenden Menschen vor den Schaltern. Die Immigration-Officerin war nicht übel, wir kennen andere,
selbst irgendwann eingewanderte Officers mit grottenschlechtem Englisch, die impertinente Fragen gestellt haben. Als Männe an der Reihe war, verzichtete sie auf die zweite Kollektion
Fingerabdrücke der linken Hand und bemerkte freundlich, dass er zu den frequent Einreisenden gehöre, die das Computersystem erkannt habe. Oh Gott, wenn man zu oft einreist, kann das böse
enden…..! Aber sie nahm das eher positiv zur Kenntnis, welch Wunder. Ich dagegen bin scheinbar nicht im Computer als frequent Einreisende aufgetaucht, was irgendwie dann auch merkwürdig ist.
Scheinbar ist das Computer-Erkennungssystem nicht unbedingt zuverlässig…!
Wir treten vor die Halle, Zollkontrolle gab es keine, was wiederum meinen Heiligenschein in Sachen Zigarettenschmuggel ein bisschen schrumpfen ließ. War ich also umsonst brav, eine Stange mehr
hätte es schon sein können. Sehr bedauerlich!
Vor der Cruiseline-Halle stand – ich erwähne es nochmal der guten lieben Erinnerung halber – eine Reihe von Kreuzfahrerkollegen, die alle auf ein Taxi warteten. Man bekam eine Nummer von einem
resolut wirkenden, weiblichen Officer. Lange wollte kein Taxi kommen, logisch, die waren alle mit dem ersten Schwung Kreuzfahrer unterwegs – denen, die kein buntes Fähnchen am Koffer hatten.
Irgendwann kam ein Schwarzer vorbei und fragte die Umherstehenden, wo sie hinwollten und ob wer mit ihm fahren wolle. Ich erklärte ihm, dass wir nach Newark Airport zur Autovermietung wollten
und er war hocherfreut, uns dorthin fahren zu können. Ich wollte wissen, was uns der Spass kosten würde und er sagte, er mache es für 40 Dollar. Mein leergepumptes Kreuzfahrer-Portemannaie
machte einen freudigen Sprung in der Tasche und wir hüpften in sein Chevrolet. Er, der schwarze, riesige Bär, schnappte sich leichtfertig einen unserer Koffer und verstaute ihn. Beim Einsteigen
bemerkte er noch, dass zu den 40 Dollars noch die Brückengebühr käme. Na gut, erfahrungsgemäß sind das meist zwei bis drei Dollars, also gut zu verschmerzen.
Die Rush-Hour hatte noch nicht begonnen, es war erst halb zwei. Der Fahrer schlingerte sich laut fluchend durch den trotzdem starken Verkehr aus der Innenstadt heraus, unaufhörlich eine Gabel
in ein Fastfood-Gefäß stechend und wild gestikulierend auf spanisch telefonierend. Zwischendurch hatte er noch genügend Zeit, sich nach unserem sozialen und naturalistischen Status zu erkunden,
was heißt, er wollte wissen, wo wir herkämen und wo wir von Newark aus hinwollten. Insgeheim bereute ich meine bereitwilligen Auskünfte, und, wie sich bei Ankunft in Newark herausstellte, hatte
er es sich mit den 40 Dollars anders überlegt und verlangte plötzlich – nach dem Taxieren unserer sozialen Verhältnisse – 170 Dollar.
Die Debatte, die hierauf auf dem Parkplatz des Autovermieters entbrannte, war heiß und nicht ungefährlich. Wir bestanden auf den Betrag, der zuvor genannt wurde und er holte aus dem
Wageninneren ein Buch hervor, in welchem die Gebühren für die Taxifahrten aufgelistet seien. Ich erklärte ihm, dass wir niemals für 170 Dollar mit ihm gefahren wären und ich bot ihm 50 Dollar,
notfalls 60 Dollar an, nur um zu vermeiden, dass er nicht handgreiflich werden würde. Er bestand weiterhin auf 170 Dollar, reduzierte den Preis dann allerdings auf 150.
Die Diskussion nahm kein Ende und ich erklärte dann endgültig, ich würde jetzt ins Gebäude gehen und die Polizei rufen lassen. Ich ließ Männe und Fahrer zurück, nicht ohne ein ungutes Gefühl zu
haben. Ich stellte mich an den Schalter für Mietwagen und sah kurz darauf schon von Weitem, dass Männe mir mit dem gesamten Gepäck auf Schultern und Armen entgegenkam.
Leider hatte er sich auf 70 Dollar mit dem Typen geeinigt, ich hoffe, es war auch wirklich der Betrag. Aber unter Anbetracht des Auflaufes mit Polizei war er den geringsten Weg des Widerstandes
gegangen. Andererseits muss der Typ wohl kalte Füsse wegen der Androhung mit Polizei bekommen haben, sonst wäre er nicht mit 70 Dollar zufrieden gewesen. Ich persönlich hätte die direkte
Konfrontation bevorzugt, denn die Polizei ist auf Gangster, die Touristen in Taxen ausnehmen wollen, nicht gut zu sprechen.
Wir haben zumindest Glück, was den Mietwagen angeht. Ein schöner weißer Equinox neueren Datums wird uns zugestanden - ist nicht immer so selbstverständlich, wie wir von Florida her wissen. Erst
wollte der Helfer der Mietwagenfirma einen vor uns wartenden anderen Deutschen zu dem Wagen führen, bis sich herausstellte, dass dieser eine Kategorie niedriger gebucht hatte. Okay, wenn man
eine Rundreise macht, sollte man am Platz im Wagen nicht zu sparsam sein. Das rächt sich schnell….
Weiter gehts mit der Rundreise New York State /Niagara - New Jersey - Pennsylvania - New England in diesem Blog!
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